Aktuelle Informationen zur Luft- und Wasserhygiene

Aktuelle Informationen zur Luft- und Wasserhygiene

Gesundheitskosten wegen dicker Luft

Luftschadstoffe BAFU 2Gemäss NZZ vom 08.06.13 ist die Luft (fast) wieder rein.
Trotzdem: "Allein die Gesundheitskosten wegen dicker Luft belaufen sich jährlich auf rund 5,1 Milliarden Franken. Dazu kommen Ernteverluste in der Landwirtschaft (rund 15 Prozent) und Schäden an Gebäuden, Infrastrukturen und Ökosystemen. Weiter zum Gemüse statt Blumen in Zürich, den Schadstoffen, Gesundheitskosten und Ressourcen.

Anmerkung: Kein Thema ist die Luft in Innenräumen. Können in Zukunft die Ressourcen dazu eingesetzt werden?

 

Seit einiger Zeit sorgt in Zürich die «essbare Stadt» für Schlagzeilen. Der Gemeinderat hat letzten Dezember ein Postulat angenommen, das die Stadtgärtnerei auffordert, die Rabatten bei Tramtrassees und Verkehrsinseln künftig mit Gemüse statt mit Blumen zu bepflanzen. Dadurch spare die Stadt pro Jahr rund 10 000 Franken ein, meinte die Initiantin, zudem entstünde ein sozialer Mehrwert: «Die Bevölkerung soll die Stadt auch als ihren Garten sehen und sich an der Pflege beteiligen können. Pflücken ist für alle erlaubt.»

Zürichs Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) trat aber auf die Bremse: Sie zweifle angesichts der Luftbelastung am Sinn von Gemüserabatten am Strassenrand. Was meinen die Lufthygieniker dazu? Ist eine Ernte, die direkt an einer befahrenen Strasse gedeiht, geniessbar? Regula Rapp, Leiterin der Dokumentationsstelle Luft und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel, verweist auf Studien, die das Problem vorab bei der Bodenbelastung sehen. Die fundierteste Arbeit dazu stamme aus Berlin: Die Technische Universität (TU) habe im letzten Jahr herausgefunden, dass in Stadtgemüse zum Teil hohe Mengen an Schwermetallen zu finden seien. Kürzlich habe das Umweltamt des Kantons Freiburg Familiengärten untersuchen lassen und an gewissen Standorten eine übermässige Bleibelastung gefunden. Daraus lasse sich schliessen, dass Stadtgemüse zwar Schadstoffe enthalten könne; diese würden aber eher im Boden stecken als in der Luft schweben.

Tatsache ist nämlich: Die Luft in der Schweiz wird tendenziell besser (siehe Grafik). Der Ausstoss der meisten Schadstoffe sei zurückgegangen, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Seit 1990 seien die Emissionen von Schwefeldioxid (SO2) um 85 Prozent, bei Feinstaub (PM10) und Stickoxiden (NOx) um 40 beziehungsweise 50 Prozent verringert worden. Erfreut bilanziert das Bafu: «Bei 9 von 12 wichtigen Luftschadstoffen, für welche das Gesetz Immissionsgrenzwerte festsetzt, liegt die Belastung heute in der ganzen Schweiz unter den Limiten.» Dagegen würden beim Stickstoffdioxid (NO2), beim bodennahen Ozon (O3) und beim Feinstaub die Grenzwerte weiterhin überschritten - mit Folgen, urteilt das Bafu: «Der gegenwärtige Zustand der Luft führt in der Schweiz jedes Jahr zu 3000 bis 4000 frühzeitigen Todesfällen; bei Kindern kommt es zu rund 39 000 Fällen akuter Bronchitis. 1,7 Millionen Tage mit reduzierter Aktivität gehen jährlich auf das Konto der Luftverschmutzung.»

Allein die Gesundheitskosten wegen dicker Luft belaufen sich jährlich auf rund 5,1 Milliarden Franken. Dazu kommen Ernteverluste in der Landwirtschaft (rund 15 Prozent) und Schäden an Gebäuden, Infrastrukturen und Ökosystemen. So überdüngt Stickstoff Wälder, Naturwiesen, Heiden und Moore; saure Luft schädigt Baudenkmäler und Materialien. Um diese Zusammenhänge zu erforschen und eine national (und international) koordinierte Politik zu betreiben, gibt es beim Bafu die Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien. Ein Dutzend Fachleute arbeitet dort gestützt auf die Luftreinhalteverordnung (LRV), die seit 1986 in Kraft ist. Die Sektion Luftqualität ist verantwortlich für das Nationale Beobachtungsnetz für Luftfremdstoffe (Nabel), das von der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) betrieben wird und Daten liefert für die Kantone und Städte, welche die LRV vollziehen müssen. Unterstützend steht den Bafu-Experten auch die Eidgenössische Kommission für Lufthygiene (EKL) zur Seite.

Im Übrigen spielt sich die Luftreinhaltung vor allem in den Kantonen ab. Eine Übersicht liefert die Plattform www.kvu.ch, welche die kantonalen Ämter für Umweltschutz zusammen betreiben. Gemeinsame Ziele verfolgt auch die Organisation Ostluft, welcher beide Appenzell, Glarus, Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau und Zürich angehören, ebenso das Fürstentum Liechtenstein und teilweise der Kanton Graubünden. Geschäftsführer Peter Maly erläutert: «Luft macht nicht an politischen Grenzen halt. Deshalb analysieren die beteiligten Stellen die Luftqualität seit 2001 gemeinsam und veröffentlichen die Erkenntnisse.» An über 20 Standorten wird die Luftqualität anhand der Leitschadstoffe NO2, PM10 und O3 laufend erfasst.

Maly versucht einen Überblick zu geben über sein Berufsfeld: «In jedem Kanton gibt es eine Fachstelle für Lufthygiene. Je nach Grösse sind dort 0,3 bis 10 Stellen besetzt.» In den zehn grössten Städten sei zudem in der Regel eine Person für die Stadtökologie zuständig und betreibe auch Lufthygiene. Städte wie Winterthur und Zürich führten eigene Abteilungen für Luftreinhaltung, wo 2 bis 5 Spezialisten engagiert seien. Daneben gebe es einige wenige «spezialisierte Fachbüros für Lufthygiene», bekannte Beispiele dafür seien Infras, Meteotest oder Ökoscience. Jene Firmen, die sich mit dem Messen von Emissionen beschäftigten, seien in der Schweizerischen Gesellschaft für Lufthygiene-Messung (www.luftunion.ch) vereint. Weiter gebe es Ausstatter von Messstellen wie etwa die Firmen Contrec und Deltatech. In der Lufthygieneforschung tätig seien schliesslich vorab die Empa, das Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich sowie das Labor für Atmosphärenchemie des Paul-Scherrer-Instituts.

Wie aber wird man «Lufthygieniker»? Peter Maly erklärt, dass im Bereich der Messtechnik «eine fundierte physikalisch-technische Ausbildung Voraussetzung» sei, wie man sie zum Beispiel an einer Fachhochschule erhalte. Für Vollzug und Datenanalyse seien Naturwissenschafter geeignet, vorab aus Chemie, Physik oder Umweltnaturwissenschaften. Wer in die Messtechnik einsteige, könne es bis zum Laborleiter bringen; auf der Seite des Vollzugs winkten eine Karriere als Fachstellenleiter «und in seltenen Fällen die Amtsleitung». Die Selbständigkeit sei heute jedoch «weniger zu empfehlen», meint Maly, da die Fachstellen mit qualifiziertem Personal besetzt seien und extern nurmehr hochspezialisierte Aufträge vergeben würden.

Ein Gremium, das den Austausch zwischen den Lufthygienikern fördert, ist Cercl'Air. Diese Vereinigung steht den Behörden- und Hochschulvertretern im Bereich der Luftreinhaltung und der nichtionisierenden Strahlung (NIS) offen. Die Gruppierung zählt zurzeit 230 Mitglieder und «fördert die interkantonale Koordination des LRV-Vollzugs sowie den Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis», erläutert Maly. Insgesamt sei der Jobmarkt im Bereich der Luftreinhaltung «eher klein»; auf die gesamte Branche der Umweltschutzämter bezogen, mache «die Luft» wohl nur rund einen Zehntel der Stellen aus.

Und wie geht der Luftexperte mit der Tatsache um, dass die Luft bei uns immer reiner wird? Macht sich die Lufthygiene eines Tages selbst überflüssig, so dass Stellen auch wieder abgebaut werden könnten? Maly: «Der Vollzug wird sicherlich bleiben, die Anlagen müssen auch periodisch geprüft werden. Und es braucht nach wie vor gewisse Immissionsbeurteilungen wie auch Fachleute, die einen generellen Blick haben und Raumplanung, Klimaschutz sowie Luftreinhaltung gemeinsam ins Visier nehmen.»

Beat Grossrieder

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